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Neurochirurgische Klinik und Poliklinik

Geschichte der Klinik

Brunnen

Mit Erlaß des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus wurde am 17.8.34 die erste selbständige neurochirurgische Abteilung Deutschlands in Würzburg gegründet.
Leiter wurde der 35-jährige Wilhelm Tönnis, seit 1926 Assistent der Chirurgischen Universitätsklinik unter Fritz König und seit Herbst 1932 Leiter der neurochirurgischen Station.
Vorausgegangen war eine Initiative Königs, der unter dem Eindruck schlechter Ergebnisse von neurochirurgischen Eingriffen und der sehr erfolgreichen Vorbilder Cushing in Boston und Olivecrona in Stockholm die Notwendigkeit einer Spezialisierung sah. Bereits 1880 verfasste der damalige Würzburger Ordinarius Ernst von Bergmann, die "Lehre der Kopfverletzungen". Er gab dieses Interesse an seinen Schüler, den jungen König weiter.
W. Tönnis wurde eine 7 monatige Ausbildungszeit bei H. Olivecrona in Stockholm vermittelt. Er übernahm schließlich nach seiner Rückkehr und ersten Demonstrationen seiner erlernten Fähigkeiten die alleinige Behandlung der neurochirurgischen Krankheitsbilder. Diese Entscheidung fiel seinem Förderer König nicht leicht: "Das haben Tönnis und ich in der einen für immer unvergeßlichen Stunde durchgesprochen. Den Wunsch, mich selbst in die Kunst einzuarbeiten, mußte ich fallen lassen - kein Kranker durfte darunter leiden".

Unter einfachen Umständen begann die Arbeit im Luitpold Krankenhaus. Anfangs waren keine Assistentenstellen vorgesehen; das Ministerium hatte zwei Schwesternstellen und eine Aushilfskraft bewilligt. Durch erfolgreiche Nachoperationen von zuvor nicht gefundenen oder nur anoperierten Tumoren erwarb sich Tönnis einen überregionalen Ruf, der sich in steigenden Patientenzahlen niederschlug. Mit neuen radiologischen Untersuchungsmethoden erhöhte sich die Treffsicherheit der präoperativen Diagnostik. Die Letalität sank von 60 auf 10 %.
Zunächst wurde mit Volontärassistenten ohne chirurgische Vorbildung operiert. Bald bildete sich jedoch ein wachsender und zunehmend auch internationaler Mitarbeiterstab.
Neurologische Unterstützung kam von G. Schaltenbrand, der die neurologische Abteilung aufbaute und sich selbst in der Entwicklung der Stereotaxie engagierte. Die histologische Begutachtung wurde von H. Spatz in München durchgeführt, ein führender Neuropathologe jener Zeit.

1934 wurde Max Kappis unter nationalsozialistischem Einfluß und unter Umgehung des akademischen Berufungsverfahrens als Leiter der chirurgischen Klinik eingesetzt. König wurde kurz vor seiner Emeritierung des Amtes enthoben. Kappis war an der Neurochirurgie nicht interessiert und neidete der jungen Abteilung das wachsende Ansehen. Zu diesen erschwerten Arbeitsbedingungen kam der Platzmangel hinzu.

1936 gründete Tönnis das Zentralblatt für Neurochirurgie als Beiheft des Zentralblattes für Chirurgie - die erste neurochirurgische Fachzeitschrift.
1937 verlässt Tönnis mit seinen Mitarbeitern Würzburg, um ein Extraordinariat für Neurochirurgie in Berlin anzunehmen. Dem Schritt waren längere Verhandlungen mit dem Chirurgen Sauerbruch vorausgegangen, der die neue Disziplin zwar fördern , aber unter seiner Hoheit behalten wollte. Schließlich gab Sauerbruch nach. Die Umstände waren nun hervorragend: In der eigenen Klinik - der Hansaklinik - ca 5 km von der Charité, einem wichtigen Zentrum der Medizin entfernt, konnte nun die intensive Zusammenarbeit mit Neuropathologen, Neurologen und Radiologen erfolgen.

Von 1937 bis 1948 existierte keine Neurochirurgische Abteilung in Würzburg.

Nach dem Krieg nahm Joachim Gerlach, Assistent unter dem Chirurgen Werner Wachsmuth die neurochirurgische Arbeit in Würzburg wieder auf. Er war bereits 1938 am Kaiser Wilhelm Institut für Hirnforschung in Berlin tätig, wurde ab 1939 neurochirurgisch in Heereslazaretten ausgebildet. 1950 habilitierte er und wurde 1951 Oberarzt und Leiter der fachlich selbständigen Abteilung. 1956 wurde er Leiter der nun selbständigen neurochirurgischen Klinik, 1961 folgte die Vergabe eines Extraordinariates, das 1968 in ein ordentliches Ordinariat umgewandelt wurde.
Ab 1955 stand zunächst nur ein eigener OP Tisch zur Verfügung. Nach verschiedenen räumlichen Provisorien konnte 1973 der Neubau der Kopfklinik mit einem neuartigen baulichen Konzept bezogen werden. Mit 83, später 90 Betten war die Zusammenarbeit mit den fachlich nahen Fächern nun auch in unmittelbarer räumlicher Nähe möglich. Dies diente als Grundlage für klinische und wissenschaftliche interdisziplinäre Aktivität.

1974 folgte als Ordinarius Karl August Bushe . Er war seit 1949 Schüler von Okonek, der bereits zu Würzburger Zeiten Oberarzt bei Tönnis und später Ordinarius in Göttingen war, wo ihm Bushe zunächst nachfolgte. Auf seine Initiative wurde 1986 in Würzburg Deutschlands erste Abteilung für pädiatrische Neurochirurgie unter der Leitung seines Schülers Nils Sörensen eröffnet.

Seit 1991 ist Klaus Roosen Ordinarius. Als Schüler von Wilhelm Grote in Essen, war er seit 1988 Ordinarius für Neurochirurgie in Gießen.
Schwerpunkte der klinischen Arbeit liegen in der Behandlung von Akustikusneurinomen, in der spinalen und intraspinalen Chirurgie inclusive Stabilisierungsverfahren, in der Differentialtherapie von Aneurysmen und Gefäßmißbildungen zusammen mit der Abteilung für Neuroradiologie. Die pädiatrische Neurochirurgie belegt die Schwerpunkte Tumoren, spinale und kraniofaciale Fehlbildungen.

Forschungsschwerpunkte liegen in der Steuerung des chirurgischen Vorgehens mit Hilfe von Ultraschall, der Fortentwicklung des intraoperativen neurophysiologischen Monitorings, in der Suche nach neuen Monitoringkategorien, z.B. der  zerebralen Oxygenierung zur Therapiesteuerung und in interdisziplinär bearbeiteten Fragen zum Wachstumsverhalten von Gliomen mit dem Ziel adjuvanter Therapieansätze.

Quellen:

  • Collmann H: Genealogie der Neurochirurgischen Klinik Würzburg, (unveröffentlicht)
  • Bushe K-A.: Autobiographische Daten (unveröffentlicht)
  • Geiger I: Das Leben und Werk von Wilhelm Tönnis unter Berücksichtigung seiner Würzburger Zeit. Med Diss Würzburg 1981
  • Gerlach J: Vom Neuanfang bis zum Einzug in die Kopfklinik 1973.
  • Gerlach J: Briefe an Tönnis 1969
  • König F: Erinnerungen 1952
  • Röttgen P: Der Anfang mit Wilhelm Tönnis. In: 50 Jahre Neurochirurgie in Deutschland. Triltsch Druck, Düsseldorf 1986.
  • Tönnis W: Erinnerungen 1898-1978 bearbeitet und ergänzt von K.-J. Zülch. Springer, Berlin 1984
  • Neurochirurgie in Deutschland: Geschichte und Gegenwart. 50 Jahre Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie.  Blackwell Wissenschaft Berlin 2001